pakt bern - das neue musik netzwerk

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Dissonance portraitiert pakt bern


30. November 2016


Die neue Nummer der Schweizerischen Musikzeitung Dissonance ist in Zusammenarbeit mit pakt bern entstanden und denkt über die Situation der Neuen Musik-Szene in der Schweiz mit einem speziellen Akzent auf Bern nach.

Dissonance

In der neuen Dissonance-Ausgabe werden Chancen und Schwierigkeiten künstlerischer Netzwerke diskutiert, Fragen nach den soziologischen Veränderungen der Neuen Musik gestellt, und auf die Arbeitsbedingungen ausländischer Musiker in der Schweiz eingegangen. 

Ausserdem porträtieren zehn Schweizer Schriftstellerinnen und Schriftsteller exklusiv für dissonance einige Mitglieder von «pakt bern». Die zehn literarischen Porträts finden sich übers übers ganze Heft verteilt.

Bezug: info@dissonance.ch



Michelle Ziegler (MZ): Barbara Balba Weber und Christian Kobi, ihr kennt die freie Szene in Bern seit vielen Jahren und habt euch in der IGNM und der WIM Bern für die neue und experimentelle Musik engagiert. Wie habt ihr die Szene vor der Gründung von pakt bern wahrgenommen?

Barbara Balba Weber (BW): Sie war total zersplittert. Man hatte innerhalb der Szene wenig miteinander zu tun. Es gab viele kleine Gruppen, die sich zum Teil auch bekämpften. So habe ich das zumindest wahrgenommen.

Christian Kobi (CK): Problematisch war auch die geringe Publikumsnachfrage, und es gab unter den Musikschaffenden wenig gegenseitiges Interesse. Alle bewegten sich in ihrem eigenen Gärtchen und wussten nicht viel voneinander. Es gab Spannungen zwischen verschiedenen Vereinen, und die freie Szene war – wie Barbara sagte – extrem zersplittert.

BW: Die verschiedenen Richtungen innerhalb der neuen oder experimentellen Musik teilen sich in immer kleinere Subgruppen auf. Jeder muss sich abgrenzen gegenüber anderen: Junge gegen Alte, Alte gegen Junge, Studierte gegen NichtStudierte,
oder gegen jene, die mit Elektronik arbeiten und so weiter. Wir hatten das Gefühl, angesichts dessen, was uns alle verbindet – nämlich einer bestimmten Art, an den Rändern der Musik zu arbeiten –, wäre es sinnvoll, dass wir uns zusammentun.

CK: Du hast das einmal gut beschrieben mit dem Bild eines Hauses, in dem alle Zimmer beleuchtet sind und man sich immer wieder trifft…

BW: Genau, wir wollten ein Wohnzimmer schaffen, wo man sich treffen kann, und dann geht jeder wieder in sein Zimmer. Die Zimmer sehen alle anders aus, sind unterschiedlich eingerichtet, aber es gibt ein Wohnzimmer, wo man zusammenkommt und merkt, man ist eigentlich gar nicht so alleine mit seinen Gedanken und Interessen.

MZ: Wie kam es dazu, dass sich viele verschiedene Musiker und Vertreter der Szene an einen Tisch setzten und einen Verein gründeten?

BW: Der Auslöser war wohl, dass IGNM und WIM Bern gefährdet waren. Es stand im Raum, dass diese zwei Vereine für Neue Musik nicht mehr subventioniert würden. Zudem

hatten wir keinen Konzertort mehr, weil sich mit dem Leitungswechsel in der Dampfzentrale – von Christian Pauli zu Georg Weinand – vieles für die Neue Musik geändert hatte. Bis dahin hatte es – in den Räumlichkeiten der Dampfzentrale – eine enge Zusammenarbeit im Bereich der neuen Musik gegeben zwischen Dampfzentrale, IGNM und WIM Bern. Wir hatten das Gefühl, dass da jetzt etwas passieren muss.

CK: Es war interessant, weil es genau umgekehrt lief wie normalerweise. Wir hatten mit der Kulturabteilung der Stadt Bern extrem gute Gespräche, auch über die Möglichkeit eines Netzwerkes. Von der Kulturabteilung kam der Vorschlag, die Player der Szene an einen runden Tisch einzuladen. So trafen wir uns bald mit verschiedensten Leuten aus der freien Szene und aus Institutionen, mit Leuten, die schon Erfahrung hatten hier in Bern, und Leuten, die schon länger mit dem Gedanken spielten, hier aktiv zu werden, aber auch mit solchen, die müde sind und es gar nicht mehr wollen. Dann gab es von Seiten der Stadt die Option, für einen Verein Geld zu erhalten. Wir spürten eine grosse Bereitschaft und eine Offenheit, etwas zu entwickeln, und Veronica Schaller, die Leiterin der Abteilung Kulturelles, versuchte, mit uns die Fäden zu spannen und zu schauen, in welche Richtung es gehen kann.

BW: Ausschlaggebend für das Projekt war der Moment, als die Kulturabteilung merkte, dass sich hier viele Betei - ligte zusammentun und gemeinsam wirklich etwas bewirken wollen.

Vernetzungen am Neue Musik Mark

MZ: Was waren die Herausforderungen am Anfang?

CK: Eine enorme Herausforderung war, alle diese Leute zu finden und an einen Tisch zu bringen. Das war zeitaufwändig. Hilfreich in dem ganzen Prozess war, dass die Stadt Vertrauen hatte in unsere Vision, einen Verein zu gründen. Und es ist sehr gut herausgekommen. Einzigartig war, dass wir im ganzen Prozess der Vereinsgründung, die ja sehr komplex ist – vor allem auch, was Statuten angeht – so oft so viele Vertreter zusammenbrachten. Zum Beispiel mussten wir genau überlegen, ob unsere Mitglieder Vertreter von Vereinen oder Einzelpersonen sein sollen. Das war eine heikle Angelegenheit, die wir ausführlich besprachen…

BW: Wir hatten von Beginn an viele Gespräche. Und das wird auch so bleiben, denn genau diese Form von Auseinandersetzung ist das, was wir brauchen. Nur schon der Begriff «Neue Musik»: Wie wollen wir diese Art von Musik überhaupt bezeichnen? Wer fühlt sich da zugehörig und wer nicht? Um alles gibt es unglaublich viele Diskussionen. Und ich würde sagen, das gehört zur Geschichte dieser Art Musik.

MZ: Was hat euch die finanzielle Unterstützung der Stadt ermöglicht?

BW: Wir haben zunächst einen Beitrag für den Start erhalten und dann für 2016 bis 2018 eine dreijährige Anschubfinanzierung. Damit können wir gewisse Vereinsstrukturen finanzieren. Das heisst, wir engagieren jemanden für die Geschäftsführung und Buchhaltung. Zudem können wir einen Raum mieten für die Treffen und Versammlungen, die regelmässig stattfinden. Aber es ist alles extrem «low budget».

MZ: Ihr wart beide von Anfang an dabei und seid Vorstandsmitglieder. Was waren eure persönlichen Gründe für ein Engagement?

CK: Ich bin selbst auch als Veranstalter tätig und finde es immer schwieriger, spezielle Anlässe gut zu positionieren, damit sie beim Zielpublikum ankommen oder auffallen. Die Chance eines Vereins ist es, eine Veranstaltung zu tragen und besser bekannt zu machen. Das wären meine eigenen Interessen. Und als Ganzes sehe ich es so: Ich stehe für die Szene ein und fühle mich ihr zugehörig. Der Austausch mit Gleichgesinnten tut immer gut und motiviert.

BW: Ich wollte mich für diese Art von Musik einsetzen. Bevor es pakt bern gab, hatten sich die Ausgaben der Stadt Bern für die neue Musik innerhalb von zehn Jahren halbiert. Ich schrieb damals gerade an einer Dissertation zum Thema Vermittlung Neuer Musik und dabei wurde mir bewusst, dass diesbezüglich auch in Bern etwas passieren muss. Einige Leute um mich herum sahen das ähnlich, das war eine gute Voraussetzung, um die Sache konkret anzupacken.

CK: Der Verein besteht seit seiner Gründung im September 2015 aus einem siebenköpfigen Vorstand, der gut funktioniert und in dem viele unterschiedliche musikalische Richtungen vertreten sind.

BW: Die Reaktionen auf das neue Netzwerk vielen unterschiedlich aus: Einige waren zunächst skeptisch, wenige auch ablehnend, viele fanden es eine gute Idee.

MZ: Welches waren die Gründe für ablehnende Reaktionen?

CK: Einige waren skeptisch, was den Zusammenschluss verschiedener Interessen angeht. Sie befürchteten, dass eine gewisse Individualität verloren gehe. Zudem gab es Ängste und Unsicherheiten, dass es sich finanziell ungünstig auswirken könne.

Dies vor dem Hintergrund, dass in der Vergangenheit das Geld stets knapp war und man jeweils weniger Unterstützung erhielt, als man beantragt hatte. Wir erklärten dann, dass durch die Gründung des Vereins niemandem etwas weggenommen wird, dass man weiterhin individuelle Eingaben machen kann und niemand Angst haben muss, dass wegen pakt bern für das eigene Projekt kein Geld mehr übrig ist.

Das war uns immer ein wichtiges Anliegen in den Diskussionen mit der Stadt: Wir beharrten darauf, dass die Finanzierung von pakt bern nicht von jenen Geldern abgezweigt wird, die von der Musikkommission für die Projektförderung verteilt werden. Als das den Kritikern klar wurde, hat sich die Skepsis etwas gelegt.

MZ: Aber für eure Veranstaltungen benötigt ihr neben der Finanzierung der Betriebsstrukturen ja auch Projektgelder. Oder wie handhabt ihr das?

BW: Wenn wir Projekte machen wollen wie zum Beispiel den neue musik battle im Dezember in Bümpliz, dann müssen wir das Geld dafür mit zusätzlichen Drittmitteln auftreiben. Wir sind in diesem Sinne nicht total rosig gebettet, aber es gibt eine Grundfinanzierung, mit der wir arbeiten können.

MZ: Welche Veranstaltungen habt ihr bis jetzt gemacht?

CK: 2014 hat die IGNM Bern den Neue Musik Gipfel durchgeführt. Das war ein Startschuss für unsere Idee, und wir konnten feststellen, dass die Musikschaffenden der Berner Szene mitmachen.

BW: 2015 gab es dann in einer Kooperation mit verschiedenen Veranstaltern den Neue Musik Markt, an dem pakt bern vorgestellt wurde. Der neue musik battle im Dezember 2016 ist nun wirklich ein pakt-Anlass, den wir gemeinsam programmiert haben und an dem pakt-Mitglieder präsentiert werden. Wir möchten das jedes Jahr durchführen, so eine Werkschau im Dezember. Ausserdem sind wir daran, Aktionen, Kooperationen und Veranstaltungen während des Jahres aufzubauen.

MZ: Kommen wir zur Kernfrage: Was ist pakt bern konkret und was bietet es?

BW: Es geht einerseits um eine Vernetzung gegen innen, um Austausch, Diskussion und gegenseitige Unterstützung. Andererseits ist es eine Plattform gegen aussen: Wir treten gemeinsam auf, haben dadurch eine stärkere Präsenz und können auch kulturpolitisch wirken. Zusätzlich werden wir nächstes Jahr die Veranstaltungen weiter ausbauen.

MZ: Was sind die Vorzüge eines Netzwerkes?

CK: Man weiss mehr voneinander. Man kann Möglichkeiten besser nutzen und hat einen gemeinsamen, eventuell professionelleren Auftritt.

BW: Es hat viel mit Zugehörigkeit zu tun, man fühlt sich aufgehoben. In der neuen oder experimentellen Musik weht ein rauer Wind. Da finde ich ein Netzwerk wichtig. Man sieht, dass andere sich mit ähnlichen Themen beschäftigen…

CK: …und man kann Ideen mit anderen teilen und Diskussionen anregen. Es gibt Mut, etwas zu wagen und zu sehen, ob andere mithelfen – oder eben nicht. Es ist eine Bestärkung, die man annehmen kann oder nicht. Gewisse Sachen interessieren einen, andere nicht.

BW: Ja genau, es ist dir freigestellt, wie du dich wann engagieren möchtest. Du hast dabei ein Netz, das alles verbindet, aber auch Halt gibt.

MZ: Welche Gefahren birgt ein solches Netzwerk?

CK: Vielleicht hätten Missgunst oder Rivalitäten entstehen können. Aber die Erfahrungen, die wir in diesem ersten Jahr gesammelt haben, zeigen, dass das überhaupt kein Problem ist.

BW: Eine Gefahr könnte sein, dass es sich verfestigt und dass eine einzelne Person in eine Machtposition geriete. Wenn sich nun aber 50 bis 100 Leute zusammentun, hoffe ich, dass eine tragfähige basisdemokratische Struktur entsteht, in der wir regelmässig diskutieren und sich jede Person wirklich einbringen kann.

MZ: Wer kann bei pakt bern Mitglied werden?

CK: Dabei sein kann jede und jeder, der sich mit aktueller Musik beschäftigt, der komponiert, improvisiert, interpretiert…

BW: …veranstaltet und vermittelt. Es ist nicht beschränkt auf ein bestimmtes Berufsfeld. Es sollte aber irgendein Bezug zu Bern da sein. Man sollte entweder in Bern tätig sein, etwas mit Bern zu tun haben oder in Bern wohnen.

MZ: Und wie läuft der Aufnahmeprozess?

BW: Ganz simpel, eine Email schreiben oder anrufen. Dann genehmigen wir die Aufnahme im Vorstand. 

MZ: Was bietet ihr den Mitgliedern?

BW: Die Mitglieder können Vorschläge machen, was sie an unserem Anlass Ende Jahr präsentieren möchten. Wir machen jedes Jahr eine Ausschreibung. Dieses Jahr erhielten wir zahlreiche Ideen, von denen wir die meisten berücksichtigen konnten. Überhaupt kann man jederzeit Ideen einbringen, die wir umzusetzen versuchen. Wir veranstalten auch Formate wie «pakt denkt», da können alle Mitglieder kommen und diskutieren. Die Quintessenz dieser Gespräche fliesst dann wiederum in die Programmation unseres Anlasses Ende Jahr und in die generelle Stossrichtung ein. Zudem bekommen alle Mitglieder die Möglichkeit, sich auf unserer Homepage vorzustellen, und sie können für ihre Anlässe Werbung machen. 

MZ: Also für Veranstaltungen in Bern…

CK: Es gibt auch eine Rubrik auf der Website, in der man generell auf Publikationen oder Artikel aufmerksam machen kann. Es geht aber vor allem um Veranstaltungen in Bern, an denen man beteiligt ist. Wir möchten jeden Monat eine Veranstaltung in Form eines Videoclips ankündigen. Damit versuchen wir, einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln, was an dieser Musik hörenswert ist.

BW: Viele Mitglieder haben wenige Ressourcen für einen professionellen Auftritt und für Kommunikation. Deshalb möchten wir da Unterstützung bieten. Unser Kalender etwa wird redaktionell betreut, da stecken wir viel Arbeit rein. Wir möchten sämtliche Mitglieder präsentieren, alle Freischaffenden, Einzelpersonen, also nicht die grossen Institutionen…

CK: …aber die natürlich auch. Das wäre ein Ziel, dass vielleicht mal das Berner Symphonieorchester für ein Werk der Reihe Œuvres Suisses zusammenspannt mit pakt bern und eine Uraufführung im Casino stattfindet. Es ist durchaus denkbar, dass auch die grossen Player mitmachen.

MZ: Nur können die Institutionen als solche nicht Mitglieder werden.

BW: Genau, wir nehmen nur Einzelpersonen auf. Aber einzelne Personen können aus ihren Institutionen heraus Events und News einbringen – gerne sogar

MZ: Heute hat pakt bern fünfzig Mitglieder. Wie macht ihr auf diese vielen sehr unterschiedlichen Akteure und ihre Musik aufmerksam?

BW: Auf unserer Homepage gibt es eine Portrait-Seite, wo sich alle Mitglieder präsentieren. Wenn man mit der Maus über die Portraits fährt, hört man einige Sekunden Musik, und man kann sich auch eine Palette von 50 bis 100 unterschiedlichen Werken des 20. und 21. Jahrhunderts anhören. So kann man sich mit einem Musikgenre auseinandersetzen und einen Einblick erhalten. Wir präsentieren die experimentelle Musik gegen aussen und sprechen die Leute auf persönliche Weise an. CK: Wir versuchen auch, neues Publikum an Orten zu finden, wo selten oder nie solche Musik aufgeführt wird. Zum Beispiel gehen wir mit dem neue musik battle im Dezember in den Sternensaal in Bümpliz und setzen diese Musik damit in einen ganz anderen Kontext.

MZ: Euer Netzwerk steckt noch in einer frühen Phase. Wir wollen aber doch noch in die Zukunft blicken: Was wünscht ihr euch für pakt bern?

CK: Unser Ziel ist es, dass man pakt bern kennt und dass man über pakt bern spricht – auch im Ausland –, dass es den Leuten auffällt und sie den Sinn des Netzwerks erkennen.

BW: Es wäre für 2017 ein Erfolg, wenn man uns als pakt bern in der Stadt Bern wahrzunehmen begänne. Wenn generell in der Gesellschaft noch stärker wahrgenommen würde, dass es experimentelle Musik gibt. Das ist für mich der wichtigste Grund, warum es pakt braucht.