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WRESTLING WITH THE ALGORITHM - präsentiert von der IGNM Bern


Donnerstag, 12 Okt. 2017 - 19:30 Uhr


Aula im Progr - 1. OG


Ein Abend über den Umgang mit Algorithmen in Musik und Gesellschaft.

MusikerInnen verhandeln in einem Konzert klangliche Verläufe mit Maschinen und Computer. In einer anschliessenden Diskussionsrunde versuchen KünstlerInnen, Philosophen und Wissenschaftler gemeinsam mit dem Publikum, den damit verbundenen Fragen auf den Grund zu gehen.

Mit dem Konzertabend Wrestling with the Algorithm, dem dritten in ihrem Jahresprogramm 2017 Modular Identities, lenkt die IGNM Bern den Fokus auf das Themenfeld menschlichen Handelns in algorithmisch organisierten gesellschaftlichen und technologischen Zusammenhängen. Das Konzert wird flankiert von einer Diskussionsrunde mit ausgewiesenen ExpertInnen aus verschiedenen Disziplinen.

KONZERT

Während nur fünf Jahren, von 1978 bis 1983, produzierte die Firma KORG den monophonen, semimodularen Analogsynthesizer MS-20. Der MS-20 packte die Flexibilität und exzellente Klangqualität modularer Synthesizer in ein relativ günstiges und handliches Gerät und entwickelte sich deshalb mit den Jahrzehnten zu einem gesuchten Sammlerstück. 2013 lancierte KORG den MS-20 mini - ein exakter Nachbau des Originals in etwas kleinerer Grösse mit einem gewichtigen Unterschied: er hat einen MIDI-Eingang und einen USB-Anschluss. Dies ermöglicht das Steuern der Tonhöhe via MIDI und umgekehrt die Weitergabe von manuell gespielten Tönen an den Computer.

Tobias Rebers Geburtsjahr 1983 markiert sowohl das Ende der originalen MS-20- Produktion als auch die offizielle Einführung des MIDI-Protokolls, welches es möglich machte, Synthesizer und Steuergeräte digital miteinander zu verschalten, und bis heute den dominanten Kommunikationsstandard zwischen musiktechnologischen Geräten darstellt. Als mit dem digitalen Medium aufgewachsener Musiker sieht Reber einen besonderen Reiz in der Möglichkeit, mit zeitgenössischen digitalen Mitteln für einen analogen Synthesizer aus der vor-digitalen Zeit zu komponieren. Die Verfügbarkeit von MIDI bedeutet, dass nun ein digitaler Algorithmus Tonhöhen und Rhythmen in Echtzeit spielen kann, während sich der Musiker ganz auf die Gestaltung und Modulation des Klanges konzentriert. Diesen wiederum kann der Computer analysieren (etwa in Bezug auf Tonhöhe, Lautstärke, Rhythmik oder Geräuschhaftigkeit), um darauf basierend neue musikalische Entscheidungen zu treffen. Eine Rückkopplung musikalischer Informationen wird möglich. Die Kombination des MS-20 mit einem sowohl steuernden als auch hörend-reagierenden Computer verbindet die Ära analoger Klangerzeugung mit den algorithmischen Kompositionstechniken, die Reber in seinem Schaffen auf vielfältige Weise auslotet.

In der Besetzung eines Trios erweitern sich die Möglichkeiten um weitere Dimensionen. Zu allererst natürlich jene der Polyphonie. Es reagieren nicht nur mehr Mensch und Algorithmus, sondern auch Menschen gegenseitig aufeinander. Auf maschineller Ebene können die drei Synthesizer nun mit Steuerspannung nicht nur ihren eigenen Klang manipulieren, sondern auch jenen der anderen beiden Synthesizer - was wiederum digital nicht möglich ist. Menschliches Handeln, analoge Modulation und digitales Regelwerk gestalten in einem dynamischen Prozess musikalische Struktur.

PANEL

Aus philosophischer Sicht: gesellschaftlich agieren wir - ob bewusst oder nicht - ständig in solchen Zusammenhängen: ob wir via Social Media kommunizieren oder wenn Verkaufshäuser unser Konsumverhalten analysieren um uns Produkte zu empfehlen, ob in der computergestützten Partnervermittlung oder wenn wir uns im Auto von dynamisch aus Nutzerdaten generierten Verkehrsinfos leiten lassen.

Seit Beginn der Industrialisierung wiederum ist die Ersetzung des Menschen durch Maschinen ein ständig aufgeschobenes Problem: Immer neue Aufgaben werden von computergesteuerten, halbautonomen Maschinen übernommen und relegieren den ehemaligen Handwerker erst zum Maschinenführer, dann zum Wart eines Automates der seine Aufgaben selber ausführt, bis hin zum Aufseher in komplett automatisierten Produktions- und Wartungsprozessen. Und immer weiter, von Meta- zu Meta-Meta- zu Meta-Meta-Metaebene.

Für die Künste hingegen stellen sich heute Fragen wie: Was, wenn Computer immer mehr Aufgaben übernehmen können, die vormals Menschen vorbehalten waren? Wenn sie zum Beispiel Tonfolgen spielen oder gar generieren können, die ein Mensch niemals - oder niemals so präzise - spielen könnte? Ist die Konzentration auf die Klanggestaltung und Beeinflussung des Steueralgorithmus eine Befreiung oder eine Beschränkung? Welche Möglichkeiten eröffnen sich mir dadurch als Komponist und Performer? Was macht in welcher Situation Sinn?

In der Diskussionsrunde versuchen KünstlerInnen, Philosophen und Wissenschaftler diesen Fragen auf den Grund zu gehen.


Tobias Februar2016 Web
Veronikaklaus Farbig
Annie Rueefenacht

WRESTLING WITH THE ALGORITHM - präsentiert von der IGNM Bern

Tobias Reber «Pulse Width Modulation» für drei MS20 mini-Synthesizer und Computer, UA

Annie Rüfenacht, Veronika Klaus, Tobias Reber


Gesprächsrunde

mit Prof. Dr. Michael Harenberg, Prof. Dr. Reinhard Riedl,Thomas Jacobi (Gesprächsleitung), den MusikerInnen und dem Publikum