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Donnerstag, 13 Dez. 2018 - 20:00 Uhr


PROGR-Atelier 013 (Eingang A, PROGR-Hof)


Ein Abend, der sich hin- und her bewegt zwischen Stille und Klang, zwischen weich und scharf, aufregend und entspannend und das Publikum mit sorgfältig komponierten Klängen auf eine neue Hörerfahrung sensibilisiert.

Trio Caelum

Speaking Silence lenkt den Fokus auf das, was zwischen den einzelnen Noten und Tönen erklingt. Das Klavier wird zu einer Art Super-Klavier, zum Echoraum, in dem sich rein instrumental erzeugte Klänge im natürlichen Hall oder in einer künstlichen Resonanz weiterentwickeln. Nebst dem Werk „Allegro sostenuto“ von Helmut Lachenmann, das zu einem Klassiker der zeitgenössischen Kammermusik geworden ist, interpretiert das Trio Caelum das Werk „The poeple here go mad. They blame the wind.“ der italienischen Komponistin Clara Iannotta.

Das Trio Caelum entstand aus dem Masterstudiengang für zeitgenössische Musik an der Musik Akademie Basel, wo die drei Musikerinnen erstmals zusammenfanden. Während dem Studium wurden sie von Mike Svoboda, Marcus Weiss und Jürg Henneberger betreut. Ihre erste Zusammenarbeit bestand aus einer zeitintensiven Auseinandersetzung mit dem Werk „Allegro sostenuto“ von Helmut Lachenmann, das als eines der Komplexesten im zeitgenössischen Kammermusikrepertoire gilt. Dabei erhielten sie wertvolle Impulse durch die Teilnahme an Meisterkursen bei Helmut Lachenmann und Yukiko Sugawara. Als Trio Caelum setzen sie nun ihre Zusammenarbeit nach dem Studium fort, um neue Werke aufzuführen und zu präsentieren.

Zum Weiterlesen: 

Die zeitgenössische Musik hat sich in den letzten 50 Jahren rasant weiterentwickelt. Wie ein Schirm umspannt sie eine Vielfalt an Stilen, Strömungen und Ideen. Dabei hat die Musik unterschiedliche Wendepunkte erreicht, ist visuell geworden, elektronisch, theatralisch oder sogar politisch. Doch nicht nur die Musik selbst hat sich gewandelt, auch unsere Musikwahrnehmung und vor allem das genaue Hinhören ist in der heutigen Welt zunehmend zu einer Herausforderung geworden. Unsere kontinuierliche Weiterentwicklung und die verbesserten Technologien, das ständige Wachsein und die geistige Aufnahme der sich anhäufenden Informationen macht aus uns Menschen schnelle Maschinen, die ununterbrochen etwas leisten. Wir ermöglichen unserem Publikum, sich für einmal nur hinzusetzen, den Klängen zu lauschen und somit für einen Moment innezuhalten und die Stille sowie die Instrumentalklänge und Farben wahrzunehmen. 

Der Konzerttitel Speaking Silence weist darauf hin, das wir den Fokus auf das legen wollen, was zwischen den Noten passiert, indem wir dem Publikum Zeit und Raum geben, um die aufgenommenen musikalischen Informationen zu verarbeiten. Wie ein roter Faden spannt sich dieser Begriff durch die verschiedenen Werke des Konzertes, wobei der grosse Klavierflügel als Echoraum benutzt wird, um Resonanz und Hall durch Pedale, stille Akkorde oder offenen Saiten zu erzeugen. In jedem Werk wird der dichte und kräftige Klang der Klarinette und des Cellos dazu benutzt, um im Flügel ihre Resonanz zu entwickeln und einen Grundteppich für darüberstehende Melodien zu bilden.
Durch die sanfte Resonanz und den Hall von vorausgehenden Phrasen werden somit die Pausen zum Klangteppich und gewinnen durch ihre Fülle an Präsenz und Wichtigkeit. 

Helmut Lachenmanns „Allegro sostenuto“ gilt als Meisterwerk der zeitgenössischen Kammermusik. Das virtuose, anspruchsvolle Werk erfordert eine intensive Interpretationsarbeit und fundierte Kenntnisse von neuen Spieltechniken auf allen Instrumenten und behält somit in sich alle Aspekte der zeitgenössischen Kammermusik, die den Musiker gleichermassen herausfordern wie inspirieren. Durch die technische Anforderung jeder Stimme, kombiniert mit der verschachtelten kammermusikalischen Arbeit entsteht ein Werk, das nicht nur die kammermusikalischen Fähigkeiten eines Ensembles befruchtet, sondern auch das Verständnis des Zuhörers für das Zusammenspiel erweitert.
Lachenmann arbeitet hier stark mit dem Aspekt der Hallverlängerung, das er auf unterschiedlichste Weise aufzeigt. Resonanz und Bewegung werden in eine vielfältige Struktur gebracht und es entsteht ein feines Netz an sich ergänzenden Klängen. Seine lebenslange Botschaft an das Publikum, die Ohren zu öffnen und sich auf neue Musik und unbekannte Klänge einzulassen kommt in diesem Werk besonders zum Zuge.

Dank unermüdlicher Erforschung erweiterter instrumentaler Spielweisen, der Erfindung raffinierter Präparationen und einer am Kreatürlichen ausgerichteten Imaginationskraft entwickelte Clara Iannotta als Komponistin eine ganz eigene Klangsprache, die den Zuhörer dazu auffordert, konzentriert zu lauschen und diese feinen Klänge zu entdecken. Iannotta begreift Musik als existenzielle, physische, den ganzen Menschen erfassende Erfahrung. Ähnlich wie der Altmeister Helmut Lachenmann, jedoch nie im Modus des Ausklangs, sondern stets spürbar am Puls optimistischen Aufkeimens, ist diese Komponistin vom Drang nach Abenteuern beseelt. Zu ihrem Werk „The people here go mad. They blame the wind.“ liess sie sich während einem sonnigen Spaziergang in Boston inspirieren. Der Wind blies an dem Tag und liess die Glockenspiele an den Haustüren sanft klingen. Eine spätere Lektüre eines Gedichtes von Dorothy Molly mit dem Satz „The people here go mad. They blame the wind.“ erinnerte sie an diesen Tag, den Spaziergang und den Klang der Glockenspiele, der sich in ihren Ohren eingefangen hatte. Mit dem Einsatz von 12 Spieldosen versucht sie, diesen Klang aus ihrer Erinnerung zu beschreiben und in ihrem Werk zu verarbeiten.

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The people here go mad. They blame the wind. (2013-14)

Clara Iannotta (*1983)


Allegro sostenuto (1986-88)

Helmut Lachenmann (*1935)


Trio Caelum

Klavier - Helga Karen


Violoncello - Mathilde Raemy


Klarinette - Mariella Bachmann